2.2. Der Neuaufbau

Der schnelle Neuaufbau der Landwirtschaft wurde auch in der sowjetischen Besatzungszone eine vorrangige Aufgabe, um die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Das Pferd war damals ein wichtiges landwirtschaftliches Produktionsmittel, das sich noch nicht durch motorgetriebene Maschinen ersetzen ließ. So nahm die Pferdezucht einen hohen Stellenwert in der Landwirtschaft ein.
Im September 1945 wurde auf Veranlassung der sowjetischen Militäradministration und der KPD in der sowjetischen Besatzungszone die Bodenreform durchgeführt. Die Enteignung der über 100 ha großen Großbauernhöfe und Güter wirkte sich nachteilig auf die Zucht und Aufzucht von Pferden aus (HELLERUNG 1990),zumal in diesen Betrieben ein relativ guter Pferdebestand vorhanden war.
Das Jahr 1946 war auch für die Pferdezucht ein ereignisreiches Jahr. Die bis dahin bestehenden Pferdezuchtorganisationen wurden aufgelöst. Durch Züchterinitiative und staatliche Förderung entwickelte sich die bäuerliche Pferdezucht sehr schnell. In Schwerin gründeten sich Anfang des Jahres die Pferdezuchtverbände neu. Das hannoversche Zuchtziel wurde erneut für die Zucht des Mecklenburger Warmbluts anerkannt. Ab dem Sommer wurden alle vorhandenen Stuten registriert und besichtigt. Ca. 40000 Stuten wurden aufgetrieben, zwei Drittel hiervon waren Warmblüter. 10000 konnten auf Grund ihrer Qualität in das Stutbuch aufgenommen werden. Unter diesen befanden sich 8000 Warmblutstuten (NEUSCHULZ 1956, WITT 1978).
Eine von der Landesregierung beauftragte Kommission, der neben Landstallmeister Krebs die Herren H. J. Köhler, Peters und Hartwig angehörten, hatte die Aufgabe, die zurückgebliebenen und im Land verstreuten Redefiner Hengste wiederzufinden, zu identifizieren und zu registrieren. Weiterhin kamen 9 Celler Landbeschäler, die auf den Stationen Haar, Bitter und Stiepelse des Amtes Neuhaus gestanden hatten, hinzu. Erstmals nach 60 Jahren, in denen der Redefiner Beschälerbestand frei war von Kaltbluthengsten, wurden 1946 zur Erzeugung von Wirtschaftspferden 8 Kaltbluthengste eingestellt. Durch Wiederauffindung, Pacht und Ankauf konnten bis Jahresende 176 Zuchthengste, davon 120 Warmblüter, in 49 eingerichteten Deckstationen aufgestellt werden. Sie deckten 7807 Stuten (Anonym 1992). Ab 1946 fanden auch wieder alljährlich die Hengstmärkte in Güstrow statt. Auch in Greifswald wurde in jenem Jahr der erste pommersche Nachkriegshengstmarkt abgehalten.
Auf diesen Veranstaltungen erfolgte die Körungen der Junghengste, deren Einstufung in Zuchwertklassen und deren Verkauf zu festgesetzten Preisen und nach "Dringlichkeitsstufen". So erhielten Ankäufe durch das Landgestüt Redefin- Ferdinandshof und andere Gestüte die "Dringlichkeitsstufe I". Ankäufe durch landeseigene private Deckstationen waren nur "Dringlichkeitsstufe IIIa", Verkäufe in andere Zuchtgebiete standen an letzter Stelle unter "Dringlichkeitsstufe IIIb" (Anlage 1).
Um in den Nachkriegsjahren in möglichst kurzer Zeit einen für die Wirtschaft ausreichenden Pferdebestand zu produzieren, wurde in Ostdeutschland eine Zwangsbedeckung für alle zuchttauglichen Stuten eingeführt, die in dieser schweren Zeit sicher gerechtfertigt war. Allerdings trug dies nicht zur Entwicklung eines qualitätvollen Pferdebestandes bei. Diese Anordnung wurde bereits im Herbst 1950 auf Grund des inzwischen vorhandenen Pferdebestandes aufgehoben.
Eine ungleiche Verteilung der Viehbestände der einzelnen Ländern machte einen Ausgleich der Bestände zwischen den viehstarken und viehschwachen Gebieten notwendig, wobei auch Pferde nach Mecklenburg und Brandenburg gebracht wurden. So kamen 1946 18459 Pferde und 1947 nochmals 546 Pferde in diese beiden Länder. Außerdem wurden 4180 Pferde aus der westlichen Besatzungszone eingeführt (Autorenkollektiv 1959).
Nach 1945 existierte eine dezentralisierte Hengsthaltung. Sie lag in den Händen von Privatpersonen, Hengsthaltungsgenossenschaften, Volkseigener Güter (VEG), dem ehemaligen Landgestüt Redefin und dem Gestüt Ferdinandshof.
Nach KÖHLER (1949) verfügte das ehemalige Landgestüt Redefin im Jahre 1948 bereits über 160 Beschäler, davon waren:

  • 100 Hannoveraner
  • 49 Mecklenburger
  • 10 Ostpreußen
  • 1 Pommerscher Hengst.

Am 1.1.1949 wurde das Landgestüt Redefin in Volkseigentum überführt und hieß "Volkseigenes Landgestüt Redefin". Im Herbst des selben Jahres fanden dann nach 12-jähriger Unterbrechung erstmals wieder Hengstparaden statt. Inzwischen verfügte Redefin über 312 Beschäler, davon waren 210 Warmbluthengste und 102 Kaltbluthengste (HENSCHLER, HELLERUNG 1962).
Im Gestüt Ferdinandshof (als solches wurde nach dem Verlust des Landgestütes Labes ab 1946 vorübergehend das ehemalige Remontenamt Ferdinandshof genutzt) gab es 85 Warmblut-, 20 Kaltblut- und 1 Kleinpferdbeschäler. Die Warmbluthengste gehörten folgenden Zuchtgebieten an: 52 Hannoveraner, 27 Pommersche, 3 Mecklenburger, 1 Brandenburger und 2 Ostpreußen. Von den 52 hannoveraner Hengsten waren 36 in Pommern aufgezogen worden. Dies verdeutlicht die engen Beziehungen, die zwischen den Zuchtgebieten Hannover und Mecklenburg und Vorpommern bestanden.
1950 wurden 19936 Stuten von Warm- oder Kaltbluthengsten gedeckt, damit erreichte die Anzahl der Bedeckungen ihren höchsten Stand seit Kriegsende.
Ende des Jahres 1950 wurde das vorpommersche Landgestüt aufgelöst. Die Hengste übernahm das VE Landgestüt Redefin. Ihm oblag somit ab 1951 die Hengsthaltung für Mecklenburg und Vorpommern.
Mit der Aufhebung der Zwangsbedeckung 1950 ging wieder Qualität vor Quantität. In Mecklenburg wurde als erstem Zuchtgebiet die Leistungsprüfung für Hengste, Prämien- und Hauptstutbuchstuten wieder eingeführt. 1951 wurde eine Leistungsprüfungsordnung für Warm- und Kaltblutpferde beschlossen. Außerdem wurde im Landgestüt Redefin eine Hengstprüfungsanstalt errichtet und ab 1952 wurden hier alle Junghengste einer elfmonatigen Prüfung sowohl unter dem Reiter in allen drei Gangarten als auch im Zuge vor Schwerlasten, im Distanzfahren und auf Temperament und Konstitution unterzogen ( SCHWARK 1984).
Im Rahmen der Reorganisation der Gestüte wurden Ende des Jahres 1951 alle Landgestüte auf dem Gebiet der DDR aufgelöst. Der Betrieb in Redefin wurde in ein Volkseigenes Gut umgewandelt. Die Hengste wurden auf die VEG in Mecklenburg - Vorpommern verteilt.
Dies war ein großer Fehler, da die Hengste nun nicht mehr einer jährlichen Qualitätskontrolle, dem Vergleich und der Selektion durch kompetente Fachleute unterlagen. Die traditionellen "Hengstparaden" fanden in dieser Zeit nicht mehr statt, so daß die Züchter keine Möglichkeit hatten, alle Hengste des Landgestütes kennenzulernen, zu vergleichen und sich einen geeigneten für die in ihrem Besitz stehenden Stuten auszuwählen. Dieser Fehler wurde von den staatlichen Organen erkannt. Am 1.1.1956 wurde daraufhin ein Hengstdepot in Redefin eingerichtet.
In dieser ersten Zuchtperiode nach dem II. Weltkrieg stand die Arbeitspferdeproduktion für die nach der Bodenreform entstandenen 5 - 10 ha großen Betriebe, insbesondere die Neubauernstellen, im Vordergrund. Es wurde weniger gezüchtet, als vielmehr das sogenannte Neubauernpferd produziert und vermehrt. In dieser Periode deckte 1952 die bisher größte Anzahl von insgesamt 365 Hengsten im Zuchtgebiet Mecklenburg- Vorpommern, 256 Warmblut- und 109 Kaltbluthengste (HENSCHLER, HELLERUNG 1962).
Das Mecklenburger Warmblutpferd stellte in den Nachkriegsjahren seine Vorzüge unter Beweis. Es verrichtete schwere Arbeit auf dem Acker und im Zug vor dem Wagen trotz zeitweiligen Futtermangels auf Grund seiner angezüchteten Härte, seiner guten Futterverwertung, seines guten Charakters und seiner Leistungsbereitschaft. Es sicherte durch seine hohe Fruchtbarkeit den dringend benötigten Nachwuchs. Damit entsprach es dem nach 1946 anerkannten Nachkriegszuchtziel, als welches das hannoversche Zuchtziel von 1922 wieder anerkannt wurde (Anlage 5a).
Die Landeszucht in Mecklenburg- Vorpommern war bis zur Bildung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften weitgehend in privater Hand. Die Tradition einiger größerer Zucht- und Aufzuchtstätten wurde durch die hier entstandenen Volkseigenen Güter fortgeführt.