3.1. Die Zucht eines in der Arbeit und im Sport gleichermaßen einsetzbaren Pferdes in der Zuchtperiode von 1965 bis 1970

Wurde das Pferd bis dahin als Arbeitsmittel angesehen und Reitpferde, Reitsport und Reittouristik als dekadent abgelehnt, so zeigte sich ab Mitte der 60-er Jahre ein deutlicher Sinneswandel bei den Verantwortlichen des Staates.

Anfang der sechziger Jahre wurden deshalb Reitpferde für den Sport und die Freizeitgestaltung gezüchtet, wohl erkennend, daß solche Pferde als Exportschlager vermarktet werden konnten. Damit begann ein neuer Abschnitt in der Pferdezucht nicht nur im Zuchtgebiet Mecklenburg- Vorpommern, sondern auch in vielen anderen Zuchtgebieten , in denen die Technisierung das Pferd als Hauptzugkraft verdrängte.
Ab März 1966 trat ein neues Zuchtziel in Kraft. Die Pferde sollten in der Arbeit wie im Sport gleichermaßen genutzt werden können. Durch die vermehrte Reitnutzung wurde mehr Wert auf taktmäßige, raumgreifende Bewegungen und flache Tritte im Schritt und Trab sowie auf einen schwingenden, ausbalancierten Galopp gelegt. Auch im Exterieur wurde verstärkt auf die leistungsbestimmenden Exterieurmerkmale geachtet, da Exterieur und Leistung in engem Zusammenhang stehen. Es wurde gefordert:

  • ausgeprägter Widerrist, schräge lange Schulter, leicht geneigte lange Kruppe, fester Rücken, gute Bemuskelung
  • trockene leistungsfähige Gliedmaßen mit großen klaren Gelenken und guter Einschienung, harte dem Pferd angepaßte Hufe
  • leichter, am gut getragenen langen Hals angesetzter, edler und ausdrucksvoller Kopf (um die teilweise noch groben und schweren Köpfe zu verdrängen)
  • Harmonie und Eleganz im Körperbau, sowie natürlich auch weiterhin die allgemeinen Leistungen. (Anlage 5c

Der Pferdebestand verringerte sich auch weiterhin in der zweiten Hälfte der 60-ger Jahre , trotz steigender Nachfrage nach Sportpferden. Das ausgesprochene Arbeitspferd verlor seine Existenzberechtigung. Die Rentabilität der Pferdezucht sank bis hin zur Unrentabilität, was zu großen züchterischen Problemen führte.
Der größte Teil der Herdbuchstuten wurde in den LPG und VEG gehalten mit durchschnittlich 7-8 bzw. 2-4 Stuten je Betrieb. Erfahrungswerte aus der damaligen Zeit geben für die Haltung von Pferden in konzentrierten Beständen 2000,-M pro Pferd im Jahr an, d.h. ein dreijähriges unausgebildetes Pferd hat Kosten von 6000-7000 M verursacht unter Berücksichtigung der anteiligen Kosten für Stutenhaltung, deren Höhe von den Haltungskosten, dem Abfohlergebnis und den Aufzuchtverlusten. Dazu kommt, daß nicht alle aufgezogenen Pferde für Reitzwecke verkauft werden konnten, oft auf Grund der schwer zu organisierenden Ausbildung der jungen Pferde. So lag der Verkaufspreis oft unter den Kosten und führte so zur Abschaffung der Pferde in vielen Betrieben (siehe Anlage 2). Nur der züchterischen Passion einiger Betriebsleiter ist es zu verdanken, daß weiterhin engagiert Pferdezucht betrieben wurde.
Die Selektion von edlen Sportpferden aus dem bis dahin gehaltenen Zuchtmaterial erwies sich als ein zu langwieriger Prozess. Sie stand im Gegensatz zur steigenden Nachfrage nach leistungsfähigen Reitpferden und war nicht mehr effektiv genug.
Dieser Trend spiegelte sich auch in der Zusammensetzung des Hengstbestandes wieder. Bis 1968 waren vom gesamten Hengstbestand ca. 10% Trakehner, nur 4% Englische Vollblüter und 3% Halbblüter. Von den 110 Hengsten, die 1968 deckten, waren 90 Hengste Warmblüter auf rein mecklenburgisch- hannoverscher Blutgrundlage (82%). Diese verteilten sich im wesentlichen auf die Linien "Flingarth", "Adeptus xx", "Detektiv" und "Großinquisitor xx". Andere Linien waren eingegangen oder nur noch durch einzelne Hengste vertreten. In diesem Jahr gab es in den drei Nordbezirken 2005 eingetragene Warmblutstuten, unter denen sich aber nur wenige edelblutführende befanden.
Diese Zuchtperiode war nur von kurzer Dauer, da das Zuchtziel neben der Reiteignung immer noch Arbeitspferde berücksichtigte, die aber den Bedürfnissen nicht mehr entsprachen. Es wurde ein Pferd verlangt, das über die Freizeitgestaltung in der Touristik und dem Massensport auch im Leistungssport eingesetzt werden konnte.