3.2. Die Zucht des Edlen Warmbluts der DDR von 1970 bis 1990

1969 wurden tiefgreifende organisatorische und züchterische Maßnahmen eingeleitet, um die gesamte Pferdezucht auf dem Gebiet der DDR umzustellen und eine klare Exportorientierung anzustreben.

Aus diesem Grunde wurde eine Zentralstelle für Pferdezucht beim Landwirtschaftsministerium in Berlin als Leitungsorgan gebildet, ein weiterer Schritt zur Zentralisierung und Administration in der Pferdezucht.
Die bis dahin den Tierzuchtinspektionen der Bezirke angehörenden Zuchtleitungen wurden den jeweiligen Zuchtdirektionen angegliedert. So wurde 1970 die Volkseigene Pferdezuchtdirektion Nord geschaffen, indem die beiden Zuchtleitungen in Schwerin und Rostock an das Hengsdepot Redefin angegliedert wurden. Die Zentralstelle sollte die Zusammenarbeit von Zucht und Sport koordinieren und wesentlich verbessern. So wurde für Fragen der Zucht und Leistungsprüfung der Landespferdezucht der "Zentrale Zuchtbeirat" gegründet, ein "kollektiv beratendes Organ" (WITT 1978). Eine seiner ersten Aufgaben bestand in der Erarbeitung eines neuen Zuchtzieles, welches dann am 1.10.1971 in Kraft trat (Anlage 5d). Es hatte "eine weitere Vereinheitlichung der Warmblutpopulation der DDR und eine eine qualitativ höhere Sportpferdeeignung zum Ziel"(WITT 1978). In diesem Jahr wurde auch ein neues Fohlenbrandzeichen für alle in der DDR geborenen Pferde eingeführt. Damit wurden die Beziehungen zur ursprünglichen regionalen Pferdezucht abgeschafft und durch ein Uniformitätszeichen in Form von Pfeil und Schlange (als Symbole für Schnelligkeit und Wendigkeit) ersetzt. Damit ignorierte man bewußt, daß das mecklenburgisch- hannoversche Warmblut zusammen mit dem Warmblut Trakehner Abstammung, dem Brandenburgischen Warmblut, dem Englischen Vollblut und geringen Anteilen Arabischen Vollbluts den genealogischen Ursprung der neuen Rasse bildeten.

Das Zuchtziel für Edle Warmblutpferde der DDR orientierte ausschließlich auf die Eignung im Reit- und Fahrsport (Anlage 5d):

  • Allgemeine Leistungen: Konstitutionshart, schnelle Regenerationsfähigkeit, hohe Fruchtbarkeit, gutartige Charaktereigenschaften und lebhaftes Temperament bei nervlicher Ausgeglichenheit.
  • Spezielle Leistungen: Ausgesprochenes Sportpferd für alle Arten des Reit- und Fahrsports sowie der Touristik, taktmäßige raumgreifende Bewegungen, flache Tritte im Schritt und Trab, schwingender ausbalancierter Galopp.
  • Exterieur: Edler, trockener ausdrucksvoller Kopf, leicht am gut getragenen Hals angesetzt, schwach bemuskelter Unterhals, langer ausgeprägter Widerrist, fester, aber gut schwingender Rücken, lange, geneigte Leistungskruppe mit guter Bemuskelung, lange schräg gelagerte Schulter, genügend Brusttiefe und Vorderbrustbreite, trockenes Fundament mit klaren Gelenken und guter Einschienung, elastische, gut geformte Hufe.
  • Widerristhöhe cm: 160 bis 170
  • Rumpflänge cm: 158 bis 168
  • Röhrbeinumfang cm: 19 bis 22

Die Zuchthengste wurden unter dem Aspekt des Einsatzes in der Gesamtpopulation gekört und die Zuchtgebietsgrenzen aufgehoben. Das Mecklenburger und das Brandenburger Warmblut bildeten die gute und solide Grundlage, die durch bestehende Reinzuchten an Pferden trakehner und hannoveraner Abstammung ergänzt wurden. Aufgabe dieser Zuchten wurde es, Zuchtpferde für die Zuchtgebiete Sachsen- Anhalt, Sachsen und Thüringen bereitzustellen. Außerdem erfolgte mit den in diesen Gebieten gezüchteten Schweren Warmblütern eine Verdrängungskreuzung mit Englischen Vollblütern, in weiterer Kreuzungsfolge mit Trakehnern und Hengsten des Edlen Warmbluts. Innerhalb von 10 Jahren (bis Anfang der siebziger Jahre) wurde so ein die gesamte DDR umfassendes Zuchtgebiet für das Edle Warmblut geschaffen (SCHWARK 1987 ).
Das Zuchtgebiet wurde den Zuchtdirektionen (PZD) Nord (Redefin), Mitte (Neustadt/Dosse) und Süd (Moritzburg) zugeordnet. Der Hengstbestand war in staatlicher Hand monopolisiert und wurde in den drei Hengstdepots gehalten.
Der Bestand an Pferden ging auch weiterhin noch zurück. Dies spiegelte sich auch im sinkenden Hengstbestand wider. So hatte Redefin 1969 92 Beschäler, davon nur 58 bodenständige mecklenburger Warmblüter (63%) und 34 sogenannte Spezialhengste. Die Rassenzusammensetzung hatte sich also schon grundlegend verändert. Unter den Spezialhengsten waren 25 Trakehner, 4 Englische Vollblüter, 1 Arabisches Vollblut und 4 Halbbluthengste (WITT 1978).

1970 verfügte Redefin über einen Beschälerbestand von 86 Hengsten, davon:

  • 57 Mecklenburger Warmblut
  • 15 Trakehner
  • 7 Englische Vollblüter
  • 1 Araber
  • 5 Kaltblüter
  • 1 Haflinger

Diese deckten 2545 Stuten (Anonym 1992).

1971 wurde in Neustadt/Dosse der Zentrale Exportstall eingerichtet. Von dort erfolgte von nun an die Vermarktung von Sportpferden ins westliche Ausland. Jährlich wurden ca. 400 Pferde exportiert. Für das Mecklenburger Warmblut, aber auch für die gesamte Pferdezucht in Ostdeutschland, bedeutete dies einen gewaltigen Aderlaß, der nicht ohne züchterische Folgen bleiben konnte.
Zusätzlich kam hinzu, daß in diesen Jahren sich die Landwirtschaft in zunehmenden Maße zur industriellen Großproduktion und damit zum arbeitsteiligen Produktionsprozeß entwickelte. Die Betriebe spezialisierten sich auf Tier- oder Pflanzenproduktion mit konzentrierten Beständen und riesigen Feldern.
Auch die Pferdezucht konzentrierte sich in Betrieben, in denen leitende Funktionäre die Pferdezucht aus Passion weiterbetreiben ließen und in Betrieben, die staatlich gefördert wurden. Anfang der 70-ger Jahre erhielten erste Landwirtschaftsbetriebe mit dem Produktionszweig Pferdezucht die staatliche Anerkennung "Betrieb mit staatlich anerkannter Pferdezucht" (BaP).(siehe Anlage 4) Ihre Aufgaben bestanden in der Bereitstellung von geeigneten Pferden für den Pferdesport im Inland sowie für den Export, der Fohlenaufzucht bis zur Remonte sowie der Grundlagenausbildung entsprechend dem Verwendungszweck (WITT 1978).
1973 wurden durchschnittlich 12 eingetragene und zur Zucht verwendete Stuten in den VEG gehalten, 7 in den LPG und 9 in den Kooperativen Abteilungen Pflanzenproduktion (KAP). Trotz dieser staatlichen Orientierung war eine Verringerung der Zahl der pferdezüchtenden LPG nicht aufzuhalten, weil viele die minimalen Bestimmungen für die staatliche Anerkennung und damit für die Förderung durch Zuschüsse nicht einhalten konnten (siehe Anlage 4).
Ab 1.1. 1978 trat eine neue Verfügung über die Anerkennung als "Betrieb mit staatlich anerkannter Pferdezucht" und über die Gewährung von Preiszuschlägen für die Produktion von Pferden in Kraft: "Zwischen den Betrieben und der Pferdezuchtdirektion wurden jährlich bis zum 30. April für das folgende Planjahr Verträge über die Gewährung von einmaligen produktgebundenen Preiszuschlägen bei vertragsgerechter Lieferung von Reit- und Sportpferden für den Export zuzüglich zum Verkaufspreis und bei der Einstellung von Stuten in die Zuchtbestände abgeschlossen und gewährt. Die Preiszuschläge wurden bei Vertragsabschluß für jedes zu liefernde bzw. in den Zuchtbestand aufzunehmende Pferd differenziert vereinbart und im Vertrag fixiert." (WITT 1978) Damit sollte die Stutengrundlage der BaP qualitativ verbessert und gefestigt und ein optimaler Stutenbestand in den Betrieben erreicht werden. Gleichzeitig sollten so die steigenden Aufzuchtkosten ausgeglichen werden. Nach FLADE (1974) betrugen die Aufzuchtkosten für dreijährige Remonten Mitte der 70-er Jahre 9000- 10000 M pro Pferd.
Die Anforderungen für die staatliche Anerkennung an die landwirtschaftlichen Betriebe mit Pferdezucht wurden in Parametern, gültig ab 1.1.1978 festgelegt (Anlage 4a). So mußten solche Betriebe mindestens 10 Hauptstammbuchstuten der Rassen Warmblut, Kaltblut oder Haflinger besitzen und jährlich mindestens 50% Absatzfohlen zum Jahresdurchschnittsbestand der Zuchtstuten aufziehen. Das Zuchtziel sollte berücksichtigt werden und die Leiter der Pferdezucht des jeweiligen Betriebes sowie die Arbeitskräfte für die Betreuung der Zuchtpferde mußten qualifiziert sein. Ein Betrieb erhielt erst dann die staatliche Anerkennung, wenn er diese Anforderungen erfüllte und konnte dann auch staatliche Subventionen erhalten. "Zur Gewährleistung der planmäßigen Reproduktion des Pferdebestandes und eines hohen Zuchtfortschrittes werden an die Betriebe bei vertragsgerechter Lieferung von Reit- und Sportpferden für den Export zuzüglich zum Verkaufspreis und bei der Einstellung der Stuten in die Zuchtbestände der Betriebe einmalige Preiszuschläge gewährt." (Anlage 4b) Zum Beispiel konnte ein Betrieb für ein Reitpferd mit einem Mindestalter von 42 Monaten, das sich im Typ und Exterieur für Tunierzwecke eignete und für die Teilnahme an einer Eignungsprüfung der Klasse A vorbereitet war, zusätzlich zum Verkaufspreis 1500,00 M erhalten oder für eine dreijährige Hauptstammbuchstute (Warm- oder Kaltblut), die in den Zuchtbestand des Betriebes aufgenommen wurde, 800,00 M, für eine Haflingerstute 640,00 M.
Die Vereinheitlichung des Zuchtzieles machte auch eine einheitliche Hengstprüfung notwendig. Daraufhin wurde 1978 die Zentrale Hengstprüfungsanstalt in Neustadt/Dosse eingerichtet. Hier fand von nun an jedes Jahr die Bewertung und Selektion der zweieinhalbjährigen Junghengste vor ihrer Einstallung in die Hengstprüfungsanstalt statt. Die Körung erfolgte erst nach bestandener Eigenleistungsprüfung der Hengste in der Hengstprüfungsanstalt.
Im Hengstbuch des Edlen Warmblutes der DDR Band II wurden alle Daten der Hengste ab Geburtsjahrgang 1954 bis Körjahrgang 1980 zusammengestellt, die folgende Voraussetzungen in der Zucht erfüllt haben:

  • mindestens 1 gekörter Sohn
  • oder 5 eingetragene Töchter.

Von den 532 darin aufgeführten Hengsten sind 327 in Mecklenburg- Vorpommern gezogen wurden. Diese Zahlen verdeutlichen den großen Anteil, den die Pferdezucht Mecklenburg- Vorpommerns an der Herausbildung einer einheitlichen Rasse auf dem Gebiet der DDR hatte. Nicht mitgezählt wurden die Arabischen Vollbluthengste, die nur in der Araberzucht zum Einsatz kamen. Viele der in den anderen Zuchtdirektionen gezogenen Hengste haben als Linienbegründer Vollblüter oder importierte Hengste. Letztere wurden meistens in der Pferdezuchtdirektion Mitte eingestellt. Das Hengstdepot Redefin hatte keine Möglichkeit, Beschäler aus westdeutschen Zuchtgebieten ( insbesondere Hannover) zu kaufen und für die Zucht in Mecklenburg- Vorpommern zu nutzen.
Im Jahr 1974 wurde der dreijährige Hengst "Adept", ein Enkel des hannoverschen Linienbegründers "Abglanz" (Trak.), aus der BRD importiert und in Neustadt/ Dosse eingestellt. Dieser Hengst brachte bis 1980 19 gekörte Söhne. Von diesen kamen nur 4 in der Pferdezuchtdirektion Nord zum Einsatz: "Adriano", "Adler", "Astor" und "Apollo". Noch heute sind Töchter des Hengsten "Astor" hervorragende Zuchtstuten. Auch der Hengst "Apollo" hat der Mecklenburger Pferdezucht bereits wertvolle Nachkommen hinterlassen, z.B. seine jungen Söhne "Alexo" und "Agento". Der Schimmelhengst "Adriano" wurde zu einem Stempelhengst der Pferdezucht in Mecklenburg- Vorpommern. Seine Nachkommen zeichnen sich durch sehr gute Reitpferdeeigenschaften im Exterieur wie im Interieur aus. Er ist heute noch im aktiven Zuchteinsatz und hat zahlreiche gekörte Söhne, von denen sich der Hengst "Admiral" schon mit seinen Söhnen und Töchtern einen Namen gemacht hat.
Einen weiteren Linienbegründer konnte die DDR 1960 auf dem Verdener Hengstmarkt erwerben. Es war der 1958 geborene "Julius Caesar xx"- Sohn "Julier". Dieser Hengst wurde in Radegast eingestellt und hinterließ für die ostdeutsche Pferdezucht 15 gekörte Söhne und 91 eingetragene Töchter, darunter 19 Staatsprämienstuten. Nach Redefin gelangten seine Söhne "Jupiter I" und "Juwel". Ersterer hinterließ der Mecklenburger Pferdezucht die Hengste "Juon I" und"Juon II", sowie nach der Wiedervereinigung seinen letzten, 1994 gekörten Sohn "Julian", der noch die Hengstleistungsprüfung absolvieren muß, bevor er für die Mecklenburger Warmblutzucht anerkannt wird. Der Hengst "Juon II" brachte den 1989 geborenen Hengst "Juventus", welcher 1992 Sieger der Hengstleistungsprüfung wurde und heute ein begehrter Beschäler des Landgestütes Redefin ist.
Der Hengst "Juwel" hatte nur einen gekörten Sohn, den Hengst "Jasmin", der aber diesen Zweig der Hengstlinie des "Julier" nicht fortsetzen konnte.
Die Pferdezuchtdirektion Nord Redefin 1987 (aus Pferdezucht Redefin 1812 - 1987)
Die Pferdezuchtdirektion Nord hatte 1987 einen Hengstbestand von 102 Beschälern auf 50 Deckstationen, welche vom Februar bis Juni besetzt waren und von 95 Beschäftigten betreut wurden. Die 102 Hengste gehörten folgenden Rasen an:

  • 66 Edles Warmblut
  • 7 Trakehner
  • 6 Englische Vollblüter
  • 10 Kaltblüter
  • 11 Haflinger
  • 2 Araberrasse und
  • angloarabisches Vollblut

In den drei Nordbezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg gab es 107 LPG und VEG mit staatlich anerkannter Pferdezucht. Hinzu kamen einige weitere Zuchtbetriebe. Zusammen mit den wenigen privaten Züchter hielten sie ca. 4000 eingetragene Stuten folgender Rassen:

Tabelle 2: Eingetragene Stuten der PZD Nord 1987 und ihr Anteil zum Gesamtstutenbestand der DDR (THIERBACH 1988)

Rasse

Anzahl Stuten

Anteil an den lt. Zuchtprogramm zu haltenden Stuten dieser Rasse in der DDR in %

Edles Warmblut

2500

30,5

Warmblut Trakehner Abstammung

80

26,7

Kaltblut

170

17,0

Haflinger

300

21,4

sonstige Kleinpferde

580

38,7

Shetlandpony

350

14,0

Arabisches Vollblut

20

50,0

Per 1.1.1988 erfolgte die Eingliederung der damaligen VE PZD Nord Redefin in das VE Kombinat Tierzucht bis zu dessen Auflösung nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 30. 6.1990. In diesen Jahren entwickelte sich der Hengstbestand in der PZD Nord wie folgt:

Tabelle 3: Entwicklung des Hengstbestandes des Hengstdepots Redefin von 1988 bis 1990

Rasse

1988

1989

1990

Edles Warmblut

56

58

56

Englisches Vollblut

6

10

12

Arabisches Vollblut*

2

2

1

Araberrasse

1

1

1

Anglo- Araber

-

1

1

Warmblut Trakehner Abst.

5

9

7

Kaltblut

8

12

10

Haflinger

10

10

10

Kleinpferde**

17

18

18

Shetlandpony**

25

24

23

* deckten nicht in der Warmblutzucht
** diese Hengste befanden sich in privater Hand

In den letzten Jahren des Bestehens der DDR war die Hengstlinie des "Detektiv" zahlenmäßig am stärksten unter den Beschälern der PZD Nord vertreten. Ihr folgte die "Abglanz"- Linie und weiter dann die Linien "Flingarth" und "Julius Caesar xx". (Tab. 4)

Tabelle 4: Entwicklung der Hengstlinien in der PZD Nord von 1988 bis 1990

Hengstlinie

1988

1989

1990

Detektiv

18

18

15

Dollart

1

2

2

Duellant

11

10

9

Dingo

6

6

4

Abglanz

6

7

7

Flingarth

4

5

5

Julius Caesar

4

5

5

Senator

5

5

4

Der Löwe/ Leuchtfeuer

2

2

3

King/ Komet

2

2

2

Goldschläger

1

1

2

Großinquisitor

1

1

1

sonstige

2

2

2

Warmblut mit trak. Abst.

7

6

6

Halbblüter

4

4

4

insgesamt

56

58

56

Am 1.5.1989 trat noch einmal eine neu formulierte "Technische Vorschrift und Lieferbedingung" (TGL) 26900 in Kraft, welche neben einer redaktionellen Überarbeitung auch die Aufnahme einer neuen Rasse beinhaltete. Die Kleinpferde waren hinzugekommen. (Anlagen 5e und 6-10)