3.4. Der Einsatz von Englischem und Arabischem Vollblut zur Veredlung des Mecklenburger Warmbluts

Anfang der sechziger Jahre begann man auch auf dem Territorium Mecklenburg - Vorpommerns mit der Kombinationszucht des Mecklenburger Warmbluts mit Englischen Vollblütern, Trakehnern und ganz begrenzt mit Arabischem Vollblut.

Der erste Englische Vollbluthengst, der in Mecklenburg - Vorpommern zur Veredlung des Mecklenburger Warmbluts zum Einsatz kam, war "Tannenhäher xx" von "Ansitz xx", geb. 1954 im Gestüt Ravensberg / BRD (HENSCHLER 1987). Er wurde auf der Deckstation des VEG Voigtsdorf aufgestellt, wo er auf eine alte solide Warmblutstutengrundlage traf. Später deckte "Tannenhäher xx" auf den Stationen Güttin, Neuhaus und Dambeck und hinterließ vier gekörte Söhne und 41 eingetragene Töchter, davon fünf Staatsprämienstuten.
Diesem ersten Englischen Vollblüter folgten später weitere in die Warmblutzucht:

  • "Daban xx" von Angeber xx", geb. 1956 im VE Gestüt Graditz
  • "Mahagoni xx" von "Fahnenträger xx", geb. 1964 im VE Gestüt Görlsdorf
  • "Carlo xx" von "Wicht xx", geb. 1967 im VE Gestüt Lehn
  • "Modus xx" von "Bernardus xx", geb. 1960 im VE Gestüt Bockstadt - Massenhausen
  • "Grollus xx" von "Carolus xx", geb. 1966 im VE Gestüt Görlsdorf
  • "Blaubart xx" von "Bürgermeister xx", geb. 1967 im VE Gestüt Graditz.

Besonders die Hengste "Grollus xx" und "Modus xx" hinterließen Nachkommen, die noch heute im Sport sehr erfolgreich eingesetzt sind und Mecklenburgs Pferdezucht auch in anderen Zuchtgebieten bekannt machen.
Das Englische Vollblut soll den Sportpferden Härte, Nerv, gute Konstitution und Leistungsbereitschaft mitgeben. Es vererbt die Voraussetzungen für hohe Kraftentwicklung über ein gesundes Skelett, ausgeprägte Muskulatur und einen guten ausgebildeten Verdauungsapparat und Kreislauf. Durch die Einkreuzung von Englischen Vollblütern sollen Warmblüter trockener, edler und eleganter werden. Durch die Verbesserung des Exterieurs sollen solche Reiteigenschaften wie gut angesetzter Hals, hoher langer Widerrist, lange schräge Schulter, lange schräge Leistungskruppe und gut ausgeprägte Gelenke gefördert werden. Dabei darf man solche Probleme wie Erhaltung des Gesamtrahmens, leichte Verstellungen der Gliedmaßen und extreme Sensibilität, die der Vollblüter neben den genannten Vorteilen ebenfalls überträgt, bei der Selektion nicht unberücksichtigt lassen (WITT 1978).
Bei der Auswahl von Englischen Vollbluthengsten, welche in der mecklenburger Warmblutzucht als Veredler zum Einsatz kommen sollten, stellte man hohe Anforderungen an das Exterieur: Große Linien, große, gut gelagerte Schulter, deutlich markierter Widerrist, langer, gut angesetzter Hals mit leichtem Genick, edler Kopf mit ruhigen klarem Auge, klares, ausdrucksvolles und gut eingeschientes Sprunggelenk. Weiterhin wurde ein hohes Generalausgleichsgewicht (GAG) gefordert, wobei aber auch berücksichtigt wurde, wie der Hengst zu dieser Marke gekommen war. Die Erreichung des GAG durch jahrelange Härte, Gesundheit und Leistung wurde höher eingeschätzt, als die Einstufung durch eine einmalige Spitzenleistung (WITT 1978).
Deckten Anfang der 60-er Jahre nur zwei Englische Vollblüter ("Tannenhäher xx" und "Daban xx"), so erhöhte sich die Anzahl ab 1967 auf vier, 1970 sieben und erreichte 1972 mit acht den in diesem Zeitabschnitt höchsten Stand. Der Anteil dieser Hengste betrug zwischen 1970 und 1978 zwischen 6- 8% zum Beschälerbestand. Ab 1968 kamen auch zwei Halbblüter zum Einsatz, um das Risiko bei der Einkreuzung von reinen Vollblütern zu mindern. Ihre Anzahl erhöhte sich in den folgenden Jahren auf 10 und machte etwa 13% des Beschälerbestandes aus (WITT 1978).
Warmblutpferde mit 12,5 - 25% Vollblutanteil waren als Sportpferde begehrt und ließen sich auch ins westliche Ausland verkaufen. Soweit es sich um den Export von Stuten geringerer Qualität und von Wallache handelte, gab der Pferdeexport damit der Reitpferdezucht gute Absatzmöglichkeiten. Allerdings wurden oftmals die besten Pferde ins Ausland verkauft. Anfang der siebziger Jahre wurde auch im VE Gestüt Ganschow die Zucht des Edlen Warmbluts ausgedehnt. Der Stutenbestand vergrößerte sich von 30 Warmblutstuten 1969 auf 90 1986. Neben guten Erhalterhengsten und den Hengsten Trakehner Abstammung kamen auch hier einige Vollblüter zum Einsatz, so z.B.:

  • "Vargas xx" von "Brat xx" - "Grande xx", geb. 1967 im VE Gestüt Graditz
  • "Winton xx" von "Carolus xx" - "Voltorno xx", geb. 1966 im VE Gestüt Lehn
  • "Kontinent xx" von "Carolus xx" - "Oise xx", geb. 1965 imVE Gestüt Lehn
  • sowie der berühmte "Modus xx" und sein Sohn "Monsun x", geb. 1971 aus einer "Abu Afas ox" - Mutter.

Im Verhältnis zu den eingesetzten Trakehner Hengsten ist die Zahl der zur Veredlung eingesetzten Englischen Vollblüter gering, obwohl der Einfluß des Englischen Vollblutes auf die Ausprägung der für die Reiteignung wichtigen Exterieurmerkmale besser ist, als der der Trakehner. Dies ergab die Untersuchung von BASLER (1991). Allerdings sollte vermieden werden, daß der Vollblutanteil über 25% stieg, da in diesem Fall die Pferde zu temperamentvoll wurden und auf Grund hoher Sensibilität bei falscher Behandlung nachteilige Charaktereigenschaften annehmen können.
Schon in den 50-er Jahren deckten in der Mecklenburger Warmblutzucht zwei Hengste der Rasse Arabisches Vollblut, deren Blut noch heute im Zuchtmaterial zu finden und sehr begehrt geworden ist. Auch das Arabische Vollblut soll seine Gesundheit, Härte und seine Ausdauer den Sportpferden vererben. Es gibt eine ganze Reihe von guten Eigenschaften, die die Hengste dieser Rasse den Warmblütern weitergeben sollen:

  • große Leichtfuttrigkeit und Genügsamkeit gegenüber den Futtermitteln,
  • gute Fruchtbarkeit und Regenerationsfähigkeit,
  • gutartiges Temperament,
  • harmonischer Körperbau,
  • ausgesprochene Ruhe im Stand und in der Bewegung und schnelle kraftvolle Reaktionsfähigkeit (auch ohne Vorbereitung auf die erwartete Leistung),
  • hohe Prägsamkeit und Tolerationsfähigkeit von Bedingungen,
  • ausgezeichnetes Taxiervermögen und günstige Springveranlagung sowie
  • hohe Dressurfähigkeit, Wendigkeit und Gleichgewichtsverlagerungsvermögen.

Warmblutstuten, die mit Arabischem Vollblut angepaart werden, müssen in der Lage sein, Fundamentsmängel, geringe Widerristhöhe, Rahmen und Körpergewicht auszugleichen. Da das Arabische Blut über mehrere Generarionen eine große Wirksamkeit zeigt, ist es nur sehr dosiert über bestens durchgezüchtete Stuten in der Warmblutzucht einzusetzen.
In den 50-er Jahren deckten die Hengste "Abu Afas ox" und "Achmed II ox" erfolgreich in der Warmblutzucht. "Abu Afas ox" hinterließ einen gekörten Sohn, den Halbbluthengst "Azur", welcher wiederum eine große Anzahl eingetragener Stuten hinterließ. Bis in die 70-er Jahre deckten noch die Halbbluthengste "Amato" und "Amor", Söhne des "Achmet II ox", der ebenfalls eine große Zahl eingetragene Töchter aufweisen konnte. Ihre Nachkommen zeigen noch in heutiger Zeit die Merkmale ihre Ahnen.
1956 wurde eine kleine Zuchtgruppe Arabischer Vollblüter im Institut für Tierzuchtforschung Dummerstorf aufgebaut. Sie umfaßte am Anfang nur einen Hengst und zwei, später vier Stuten. Die Stuten waren aus Polen importiert worden. Diese kleine Gruppe wurde für züchterische Untersuchungen für die Weiterentwicklung der mecklenburger Warmblutzucht und zur Ergänzung des institutseigenen Zuchtbestandes an Warmblütern Trakehner Abstammung gehalten. 1960 wurde diese Gruppe Arabischer Vollblüter vom Zoologischen Garten in Rostock übernommen. Sie wurde die Grundlage für die größte Araberzucht auf dem Gebiet der DDR. 1977 gab es dort bereits 13 Stuten und es deckten die Hengste "Mors ox" und "Kaidal ox", die aber nicht in der Warmblutzucht eingesetzt wurden. Der Hengst "Galib ben Afas ox", ein Sohn des "Abu Afas ox", wurde bis in die 80-er Jahre erfolgreich in der Haflingerzucht zur Veredlung eingesetzt.