6. Schlußbemerkungen

Der Wiederaufbau der Pferdezucht nach dem Zweiten Weltkrieg war in ganz Deutschland eine wichtige Aufgabe, da das Pferd in der damaligen Zeit einen wichtigen Produktionsfaktor in der Landwirtschaft darstellte.

Dies traf auch für das Zuchtgebiet Mecklenburg- Vorpommern zu. Die durch den Krieg verlorengegangenen Bestände galt es rasch wieder aufzustocken. Dabei konnte verständlicher Weise nicht so sehr auf die Qualität und die Abstammung der Pferde Rücksicht genommen werden. Wichtigste Kriterien waren Wirtschaftlichkeit und schnelle Reproduktion des Arbeitspferdebestandes. Um so höher ist die Initiative der Pferdezüchter zu bewerten, nach dem Krieg das vorhandene Pferdematerial zu sichten und qualitätsmäßig einzustufen. Diese Maßnahme sicherte den Zuchtbestand für die erst Jahre später (1950, nach Aufhebung der Zwangsbedeckung) wieder einsetzende Qualitätszucht des Mecklenburger Warmbluts.
Über den Verbleib der Zuchthengste des Landgestütes Redefin, die nach dem Krieg als Reparation in die Sowjetunion transportiert worden waren, sind leider keine Angaben mehr zu finden. In der Literatur der DDR wurde diese Tatsache überhaupt verschwiegen oder sogar falsche Angaben gemacht. Dies machte eine genaue Rekonstruktion der Zuchtbestände nach Kriegsende schwierig. Es gibt heute nur noch wenige Personen, die diese Zeit bewußt erlebt haben und darüber berichten können.
Die nach 1945 existierende dezentralisierte Hengsthaltung sowie ein hoher Hengstbestand gewährleistete eine rasche Regeneration des Pferdebestandes (zur damaligen Zeit war es nicht üblich, mit den Stuten auf Transportern zum Hengsthalter zu fahren) und bildete eine gesunde Konkurrenz aus. Diese Konkurrenz zwischen den Hengsthalter wurde aber bald durch staatliche Bestimmungen unterdrückt. Mit der Einrichtung von landwirtschaftlichen Großbetrieben wurde mit der bäuerlichen Landwirtschaft auch die bäuerliche Pferdezucht abgeschafft. Die Preise für Pferde wurden vorgeschrieben, der Verkauf von staatlichen Institutionen gelenkt. Nur die Pferdezucht im großen Rahmen wurde staatlich gefördert.
Private Pferdehaltung wurde teuer und unrentabel. Nur wenige Pferdeliebhaber hatten die Möglichkeit, Pferde zu halten und zu züchten. Leute, die sich mit großem persönlichen Einsatz der Pferdezucht widmeten, wurden als Sonderlinge belächelt und nicht ernst genommen. Durch die ablehnende Haltung der Öffentlichkeit gegenüber allem, was Militarismus und Herrentum darstellen konnte, wurde das Reiten auf dem Pferd und somit auch die Reitpferdezucht nicht gerade gefördert. Pferdefreunde, welche in dieser Hinsicht ihre Erfahrungen gemacht hatten, sprechen von einer "Anti-Pferde-Ideologie".
Erst mit der Erschließung des Reitpferdeexportes als Devisenquelle erfolgte der Aufbau und die staatliche Förderung der Warmblutzucht. Entsprechend dem veränderten Bedarf wurde das Zuchtziel in mehreren Etappen verändert. Der Hengst- und Stutenbestand wurde hinsichtlich der neuen Anforderungen sukzessiv selektiert. Durch die Einkreuzung von Englischem und Arabischem Vollblut, sowie Anglo- Arabern und Trakehnern wurde der Umzüchtungsprozeß zum leistungsgeprägten Sportpferd beschleunigt.
Diese Entwicklung vollzog sich so oder ähnlich auch in anderen Zuchtgebieten. Dort entwickelte sich aber gleichzeitig der Pferdesport als Leistungssport, der sich aus einer großen Masse von Freizeitreitern rekrutierte. Der Leistungssport wurde zum Selektionkriterium in der Sportpferdezucht. Die besten Pferde der Zuchtgebiete wurden Aushängeschilder der Zucht und kamen auch wieder in der Zucht zum Einsatz.
Die besten Zuchtprodukte der ostdeutschen Pferdezucht wurden oftmals ins Ausland verkauft. Leider waren dies häufig nicht nur Wallache, sondern beste Stuten und Hengste, die der Warmblutzucht der DDR unwiederbringlich verloren gingen.
Einen weiteren Verlust von wertvollen Zuchttieren mußte besonders das Zuchtgebiet Mecklenburg- Vorpommern mit dem staatlich angeordneten Neuaufbau von Warmblutzuchten in Sachsen, Sachsen- Anhalt und Thüringen hinnehmen. Da diese neu geschaffenen Zuchten sich voll auf die hannoversch- mecklenburgischen und brandenburgischen Blutlinien gründeten, war es logisch, die gesamte DDR zu einem einzigen geschlossenen Zuchtgebiet zu erklären. Jedoch wurde mit der Abschaffung des Mecklenburger Brandzeichens die wahre Abstammung des Edlen Warmbluts der DDR verleugnet.
Für dieses geschaffene Zuchtgebiet des Edlen Warmblutes und die Vereinheitlichung des Zuchtzieles wurden zentrale Leistungsprüfungen und Zuchtschauen organisiert. So wurde die Vergleichbarkeit erhöht, die Selektion erfolgte nach einheitlichen Kriterien, unabhängig davon, in welcher PZD das jeweilige Pferd gezogen wurde. Die Erfolge, die Pferde aus der PZD Nord auf solchen Schauen erzielen konnten, sprechen deutlich dafür, daß das Mecklenburger Warmblut auch weiterhin führend in der Pferdezucht der DDR war.
Ein weiterer Umstand hat die Leistungszucht in Mecklenburg- Vorpommern stark beeinträchtigt. Jahrhundertelang standen die Zuchtgebiete Mecklenburg und Hannover in stetem Blutaustausch. Beide Zuchtgebiete haben sich u.a. in den Hengstlinien ausgetauscht und ergänzt. Sie haben gegenseitig vom guten Ruf ihrer Pferdezuchten profitiert.
Mit der Errichtung der Mauer als Symbol der Abschottung der DDR gegen den Westen kamen nur noch vereinzelt Zuchthengste aus dem hannoverschen Zuchtgebiet nach Mecklenburg und Vorpommern. Zuchthengste, welche aus dem hannoverschen Zuchtgebiet in geringem Umfang importiert worden waren, wurden meistens in der PZD Mitte eingestellt, wie an den Beispielen der Hengste "Adept" und "Julier" dargestellt. Erst ihre Nachkommen kamen in Mecklenburg- Vorpommern zum Einsatz. Gerade in der Zeit der Umstellung auf die Zucht von Reitpferden waren die importierten Hengste oftmals die Begründer neuer Linien.
Da sich die Hengsthaltung ausschließlich in staatlicher Hand befand, fehlte jegliche Konkurrenz dazu. Die Hengste wurden von wenigen Funktionären der Tierzuchtinspektionen nach ihrem züchterischen Ermessen im Zuchtgebiet stationiert. Die wirtschaftliche Situation der pferdezüchtenden Betriebe ließ Stutentransporte zu weiter entfernten Hengststationen oftmals nicht zu und die künstliche Besamung war noch nicht so weit entwickelt, um in der Pferdezucht erfolgreich eingesetzt zu werden. So wurden oftmals die Stuten den Hengsten zugeführt, die in der Nähe stationiert waren. Dies hatte jedoch auch den Vorteil, das die Hengste auf eine gefestigte Stutengrundlage trafen und auf Grund der relativ gesicherten Bedeckungszahlen aus den eben genannten Gründen so ihre Vererberqualitäten unter Beweis stellen konnten.
Indem jegliche Konkurrenz zur staatlichen Hengsthaltung fehlte, wurden die Hengstdepots nicht angeregt, für ihre Hengste durch die Vorstellung der Hengste und deren Nachkommen im höheren Sport zu werben. Dadurch ging ein wichtiges Selektionmerkmal für die Leistungszucht verloren. Im Zusammenhang mit der häufig fehlenden soliden Grundausbildung der "Freizeitreiter" in den Sektionen der LPG und VEG wurden Reitturniere oft zu Charakterprüfungen für Pferde, als zu Leistungsprüfungen. Pferde, die nicht von jedermann zu reiten waren, wurden meistens aus diesem Grunde selektiert. So wurden in der DDR schöne, im Exterieur und im Charakter einwandfreie, vielseitig verwendbare Warmblüter gezüchtet. Über ihr wahres Leistungsvermögen im Tuniersport konnten jedoch kaum Aussagen gemacht werden.
Mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1989 wurde ein Zuchtabschnitt in Mecklenburg - Vorpommern beendet, in der das Mecklenburger Warmblut gerade in der entscheidenden Phase der Umzüchtung vom Wirtschafts- zum Sportpferd nachhaltig geprägt wurde. Man kann die letzten zwanzig Jahre als eine Verbindung und flächenmäßige Ausdehnung der Zuchtgebiete Mecklenburg- Vorpommern und Brandenburg mit anschließender Konsolidierung sehen.
Die Pferdezüchter Mecklenburg- Vorpommerns wollen nun, nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Öffnung der Grenzen zu anderen Zuchtgebieten Europas, den Beweis erbringen, daß ihr solide durchgezüchtetes Warmblutpferd schnell den Anschluß an die internationale Pferdezucht finden wird. Das Leistungspotential ist vorhanden. Der Einsatz von Vererbern aus anderen Zuchtgebieten soll dabei rasche Fortschritte bringen. Aber schon 1995 waren weniger als die Hälfte aller im Hengstverteilungsplan aufgeführten Warmblutbeschäler Mecklenburger. Es liegt in der Verantwortung der Züchter, bewährte Stutenstämme und Hengstlinien Mecklenburg- Vorpommerns zu erhalten. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan. Auch in der heutigen Zeit ist die Pferdezucht im Zuchtgebiet noch sehr mit den finanziellen Sorgen und wirtschaftlichen Problemen der Züchter und Pferdesportler belastet,so daß man gezwungen wird, Pferde zu züchten, die sich auch verkaufen lassen. Viele Züchter nutzen aus diesen Gründen Beschäler mit großen Namen im Pedigree aus anderen Zuchtgebieten. Auch wenn in Zukunft kein Fohlen mit dem Mecklenburger Brandzeichen gekennzeichnet werden soll, das über keinerlei Genanteile des Mecklenburgers verfügt, so wird die Identität des Mecklenburger Warmbluts durch den zu starken und wiederholten Einsatz von Hengsten aus anderen Zuchtgebieten zugunsten eines leicht verkäuflichen Zuchtproduktes und des schnellen Zuchtfortschrittes verdrängt. Die solide Stutengrundlage würde verloren gehen.
Diese Entwicklung macht es nach Meinung der Verfasserin dringend erforderlich, eine Lobby für das Mecklenburger Warmblut aufzubauen, die sich auf die wertvollen Eigenschaften und Besonderheiten dieser Rasse begründet, wie z.B. gutartiges Temperament. Ausgeglichenheit, Leichtschrittigkeit und Schönheit, damit sich nicht nur einzelne "Kracher" gut verkaufen lassen.
Die Erhaltung von Mecklenburger Stutenstämmen und Hengstlinien wird auch eine der Aufgaben des Landgestütes Redefin sein. Hengste zu halten, die momentan unmodern und nicht gefragt sind, kann sich kein privater Hengsthalter leisten. Solche Beschäler können jedoch vom Landgestüt erhalten werden, um sie zu späteren Zeiten als Erhalterhengste wieder einsetzen zu können. So wird gewährleistet, das die Veredlung der Stutengrundlage durch den Vollbluteinsatz und die Verdrängung des mecklenburger Blutes nicht zu stark wird.
Ein wichtiger Motivationsfaktor in der Pferdezucht ist der Absatz der gezüchteten Tiere. Die Pferdezüchter Mecklenburg- Vorpommerns haben sich nach der Wiedervereinigung Deutschland mit viel Engagement für die Weiterführung und Neubelebung der Pferdezucht in diesem Zuchtgebiet eingesetzt und oft persönliche Opfer nicht gescheut. So erreichte der Zuchtstutenbestand in den letzten fünf Jahren wieder einen erstaunlich hohen Bestand. Leider ist die Zahl der Stutenbedeckungen in den letzten Jahren rückläufig. Sicher werden jetzt viele Stuten intensiver im Sport eingesetzt. Die Verfasserin sieht die Hauptursache jedoch im geringen Absatz. Die Ställe der Züchter sind voll mit Absetzern bis hin zu dreijährigen Pferden. Sicher ist das Geld in dieser Zeit mit hoher Arbeitslosigkeit knapp und jeder muß rechnen. Die Reiter und Pferdesportler sollten trotzdem versuchen, die Züchter beim Verkauf ihrer Produkte im möglichen Rahmen zu unterstützen. Wer heute bei den Sorgen der Züchter auf ein Schnäppchen hofft, nimmt den Züchtern den Anreiz, auch in Zukunft seine Stuten zur Bedeckung zu bringen oder für einen Privatbeschäler auch mal tiefer in die Tasche zu greifen. Nur gemeinsam, Reiter und Züchter, lassen sich diese und kommende Probleme lösen.
Alle Absatzmöglichkeiten müssen genutzt werde. Auf den großen Pferdemessen sind Mecklenburger Warmblüter erfolgreich präsent und werben für die Zucht. Inzwischen fand auch eine erste Auktion in Mecklenburg- Vorpommern statt. Dazu war viel Mut und Engagement von den privaten Initiatoren notwendig. Doch nun ist der Anfang auch auf diesem Gebiet gemacht und die ersten Erfahrungen wurden gesammelt. Nach Meinung der Verfasserin wäre es zu begrüßen, wenn der Zuchtverband die Organisation und Durchführung von Auktionen übernehmen könnte und damit Ansprechpartner für die Züchter auf diesem Gebiet wird.